Idealistische Sozialphilosophie


Ist Freiheit vielleicht nur eine Illusion? Immerhin wird unser Denken noch vielfach unter der nicht ganz korrekten Berufung auf Isaac Newton von einer mechanistischen und deterministischen Physik beherrscht, in der ein freier Wille eigentlich keinen Platz hat1. Getreu dieser Anschauung entstand die Vorstellung des Menschen als Maschine2 und des Gesellschaftslebens als sozialer Physik3. In weiterer Folge wird in den materialistischen Ideologien wahlweise die Rasse oder die Ökonomie zum Motor der Geschichte und der Mensch zum Produkt seiner Erbanlagen, der Umwelt oder der Produktionsverhältnisse4.

Wer es mit der Freiheit nicht zuletzt politisch ernst meint, muss sie stringent begründen und herleiten. Was sind also die idealistischen Grundlagen der Freiheit?

Die modernen Naturwissenschaften

heisenbergWährend für die alte, newtonsche Physik die Teile mechanistisch das Ganze bestimmten, ist es seit Heisenberg umgekehrt: Nun bestimmt das Ganze die Funktion seiner Teile5. Für das „Ganze“ ist es aber charakteristisch, dass es gestaltpsychologisch mehr ist als die Summe seiner Teile6. Das Ganze besitzt demnach eine völlig andere, indeterministische und höhere Qualität, es ermöglicht Freiheit, was sich quantenphysikalisch in der „Unschärferelation“ und im Welle/Teilchen-Problem manifestiert7. Sogar im physikalischen Experiment ließ sich nachweisen, dass es keine vom Willen des Beobachters freie Beobachtung gibt, und dass die Trennung der Wirklichkeit in Objekt und Subjekt eine artifizielle Abstraktion ist8.

Physik und Metaphysik sind mittlerweile keine Gegner mehr9. Raum und Zeit sind zu relativen Begriffen geworden10. Ordnung schlägt in Unordnung um, und aus Unordnung entsteht wieder Ordnung11. Komplexe Systeme verhalten sich in Wirklichkeit systemisch12, selbstorganisierend13, synergetisch14, nichtlinear, selbstähnlich und fraktal15, aber nicht mechanistisch, linear und atomistisch wie in der newtonschen Physik. Es gehört bereits zum Standard moderner Naturwissenschaften, dass die Welt wie ein großer Gedanke, aber nicht mehr wie eine überdimensionale Maschine aussieht16. Nicht nur in der Atomphysik, sondern auch in der Astrophysik gelten quantenmechanische17 und selbstorganisierende18 Verhältnisse.

Die Evolution ist selbst evolutionsfähig19. Von den Myriaden von Möglichkeiten hätte die Evolution auch einen völlig anderen Weg einschlagen können, sie besaß immer eine Unzahl von Alternativen, und die weitere Entwicklung steht keinesfalls fest20. Mathematisch ermöglicht der „Zufall“ sogar erst das Errechnen von Regelmäßigkeiten, Beständigkeiten und Gesetzmäßigkeiten21. Determiniert uns also die Natur nie durchgängig, sondern lässt uns Freiheit und Alternativen, so bleiben obendrein alle (naturwissenschaftlichen) Erkenntnisse immer interpretationsabhängig22. Unser Zugang zur empirischen Wirklichkeit unterliegt einem ständigen historischen, kulturellen, soziologischen und kommunikativen Wandel23. Entgegen allen sozialmechanistischen Ideologien gibt es keine endgültigen naturwissenschaftlichen Erkenntnisse, vielmehr gelten sie grundsätzlich immer nur provisorisch24. Zudem demonstriert Gödel in seinem „Unvollständigkeitstheorem“ mit den Mitteln einer konsequent angewandten Mathematik, dass jedes logische System mindestens eine Prämisse haben muß, die systemimmanent nicht verifizierbar ist und „entelechetisch“ vorausgesetzt werden muß, wenn kein logischer Widerspruch in diesem System entstehen soll25.

Jede Wissenschaft arbeitet mit Begriffen, Vorstellungen und Worten. Sofern diese nicht überhaupt wieder auf andere Worte, Vorstellungen und Begriffe verweisen, sind sie nicht die Dinge selbst, die sie repräsentieren, sondern deren Symbole26. Unsere Aussagen über die Welt stellen bloß „Landkarten“ dar, jedoch niemals ihr Territorium selbst. Je detailgetreuer, „wissenschaftlicher“ und „echter“ solche symbolische Abbildungen auch werden mögen, bleiben sie doch Karten von Karten von Karten. „Die Wirklichkeit liegt sozusagen „jenseits“ oder „hinter“ den schattenhaften Symbolen, die bestenfalls ein Faksimile darstellen. Wo das vergessen wird, verlieren wir uns in eine Welt dürrer Abstraktionen und denken nur noch an Symbole von Symbolen von Symbolen von nichts …“27. Nicht ein Mangel an Freiheit ist unser Problem, sondern ein inkonsequenter, falscher und ideologischer Umgang mit ihr.

Die Freiheit als sozialethische Aufgabe

Nicht nur a posteriori zwingt uns nie etwas mit „naturwissenschaftlicher Notwendigkeit“, sondern wir haben uns auch a priori frei die axiomatischen Voraussetzungen unserer empirischen Erkenntnis geschaffen28. Da jede Erkenntnis aus dem Handeln entspringt29, und mit Fichte „das eigentliche Gesetz der Vernunft an sich, nur das praktische Gesetz (ist)“30, führt jeder
bewusste Idealismus grundsätzlich zu einer Tätigkeit. Kein freier Mensch handelt in luftleerem Raum, und jeder weiß sich von den Wechselwirkungen mit anderen Willen betroffen. Vor allem aus ethischer Verantwortung für seine Mitwelt wendet sich der Idealist auch der Politik zu, ohne sich von ihr das Paradies auf Erden zu erwarten und ohne irgendeine empirische Theorie
oder ein einziges Modell überzubewerten. Vielmehr wird sich der Idealist flexibel der naturwissenschaftlichen Theorien und Modelle bedienen, um in seinen politischen Handlungen dem ethischen Anliegen realistisch und rational zum Durchbruch zu verhelfen31.

Die Flucht in die Ideologie, Utopie oder konfessionelle Dogmatik hat nur nötig, wer zur Transzendierung unfähig ist32. Die Zusammenfassung
und Einordnung der empirischen Theorien, Partialwerte und einzelreligiösen Dogmen erfolgt durch ihre Überhöhung in den höchsten Ideen. Der Mangel an dem hiezu erforderlichen Verständnis sowie einer grundlegenden Einfühlung, Offenheit, Kreativität, Aufgeschlossenheit, Intuition und auch Bildung zwingt zu Ersatzordnungen durch beliebig verabsolutierte
empirischen Theorien, Partialwerte und konfessionelle Dogmen. Selbstverständlich ereignen sich auch Ideologiebildung, Utopismus und Dogmatisierung weder naturwissenschaftlich, ethisch und numinos notwendig, noch sind sie aus der unmittelbaren empirischen Beobachtung, der Idee des schlechthin Guten und dem Numinosen direkt entwickelt33. Sie kommen nicht wissenschaftlich, sittlich oder göttlich geboten zustande,
sondern beruhen auf inkonsequenten Gedankenkonstrukten34. Ideologien sind unvollständige Ideenlehren, Utopien reduzierte Moralen und Klerikalismen verengte Religion.
Gerade aus freiheitlicher Sicht tun idealistische Ganzheitlichkeit und ideelle Konsequenz not.

Dazu spielt ein moderner Idealismus im transzendentalen Wissen vom letztlich Alleinen souverän auf der Klaviatur empiristischer Modelle. In dieser eklektizistischen Haltung drückt sich der Respekt des Endlichen vor dem Absoluten aus und entspricht keineswegs dem materialistischen Reduktionismus, der sich gegen die Absolutheit der Metaphysik zugunsten einer Verabsolutierung des Physischen richtet35. Der Realismus in der Lebensbewältigung und damit letztlich auch in der Politik liegt nicht in der Absolutsetzung einer beliebigen
Theorie, Utopie oder Konfession, sondern in der gekonnten transzendentalen und ethischen Handhabung beschränkter Modelle36. Weder im Begreifen noch in der Tat determiniert uns die Immanenz wirklich durchgängig37, geschweige denn ein willkürlicher ideologischer, utopischer oder klerikaler Ansatz.
Gerade in der klaren Einsicht vom meta-physischen Charakter unserer Erkenntnisse,
unseres Willens und unserer Welt liegt der wahre Realismus38. Realistisch ist nicht ein materialistischer Mechanismus, Positivismus oder Atomismus, sondern
die Universalität eines entelechetischen Idealismus39.

Faktisch reicht unsere Freiheit immer so weit, wie wir bereit sind, Verantwortung zu tragen. Die Freiheit ist mehr als nur die Abwesenheit von Zwang und ein
Pausenfüller in einem Vakuum, sie ist vor allem der Wille zur Selbstverantwortung. Dies meint Aristoteles, wenn er sagt, dass dem Wollenden kein Zwang geschieht40.
Das Recht wächst aus der Pflicht und die Freiheit aus der Verantwortung.


Quellenverzeichnis:

  1. Isaac NEWTON: Philosophia naturalis principia mathematica (Dt. „Die mathematischen Grundlagen der Naturphilosophie“). Ausgearbeitet, übersetzt, eingeleitet und herausgegeben von Ed DELLIAN. Felix Meiner Verlag, Hamburg 1988 (Philosophische Bibliothek 394).
  2. Offray de la METTRIE: L’homme machine (Dt. „Der Mensch eine Maschine“). Deutsch von M. BRAHN. Felix Meiner Verlag, Hamburg 1909 (Philosophische Bibliothek 68).
  3. Isidore-Auguste-Marie-Xavier COMTE: Cours de philosophie positive (Dt. „Abhandlung über die positive Philosophie“). Übersetzt von Valentine DORN. Soziologie, 3 Bände. 2. Auflage, G. Fischer Verlag, Jena 1923.
  4. Wolfgang CASPART: Handbuch des praktischen Idealismus. Universitas Verlag, München 1987, S 77-163.
  5. Werner HEISENBERG: Der Teil und das Ganze. Gespräche im Umkreis der Atomphysik. 3. Auflage. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1976 (dtv 903).
  6. Wolfgang KOEHLER: Die Aufgabe der Gestaltpsychologie. Mit einer Einführung von Carroll V. PRATT. Verlag Walter de Gruyter, Berlin 1971.
  7. Niels (Henrik David) BOHR: Can Quantum-mechanical Description of Physical Reality Be Consistered Complete? (Dt. „Kann die quantenmechanische Beschreibung der physikalischen Realität als vollständig betrachtet werden?“). Physical Review 48, 696 (1935).
  8. Alain ASPECT, Jean DALIBARD & Gerard ROGER: Experimental Test of Bell’s Inequalities Using Time-varying Analysers (Dt. „Experimentelle Überprüfung der Bellschen Ungleichheiten durch Verwendung zeitvariierende Zergliederungen“). Physical Review Letters 49, Nr. 91 (1982).
  9. Hans-Peter DÜRR (Herausgeber): Physik und Transzendenz. Scherz Verlag. Bern 1986.
  10. Albert EINSTEIN: Über die spezielle und allgemeine Relativitätstheorie. 21. Auflage. Verlag Vieweg, Braunschweig 1969.
  11. Predrag CVITANOVIC: Universality in Chaos (Dt. „Universalität im Chaos“). Verlag Adam Hilger, Bristol 1984.
  12. Ludwig von BERTALANFFY, Systemtheorie. Vorwort von Ruprecht KURZROCK. Colloquium Verlag, Berlin 1972.
  13. Andreas DRESS, Hubert HENDRICHS und Günter KÜPPERS (Herausgeber): Selbstorganisation. Die Entstehung von Ordnung in Natur und Gesellschaft. Verlag Piper, München 1986.
  14. Hermann HAKEN: Synergetik. Eine Einführung. Übersetzt von Arne WUNDERLIN. Springer Verlag, Berlin 1982.
  15. James GLEICK: Chaos – die Ordnung des Universums. Vorstoß in Grenzbereiche der modernen Physik. Aus dem Amerikanischen von Peter PRANGE. Verlag Droemer Knaur, München 1988.
  16. Fritjof CAPRA, Wendezeit. Bausteine für ein neues Weltbild. Aus dem Amerikanischen von Erwin SCHUHMACHER. Überarbeitete und erweiterte Neuauflage. Scherz Verlag, Bern 1986.
  17. Harald FRITZSCH: Vom Urknall zum Zerfall. Die Welt zwischen Anfang und Ende. 3. überarbeitete Auflage. Piper Verlag, München 1983.
  18. Erich JANTSCH: Die Selbstorganisation des Universums. Vom Urknall zum menschlichen Geist. Carl Hanser Verlag, München 1979.
  19. Erwin SCHRÖDINGER: Was ist Leben? Verlag Leo Lehnen, München 1951 (Sammlung Dalp, Band I).
  20. Manfred EIGEN: Gesetz und Zufall – Grenzen des Machbaren. In: Schicksal? Grenzen der Machbarkeit. Ein Symposion. Mit einem Nachwort von Mohammed RASSEM. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1977.
  21. Manfred EIGEN und Ruthild WINKLER: Das Spiel. Naturgesetze steuern der Zufall. 7. Auflage. Piper Verlag, München 1985.
  22. Donald DAVIDSON: Wahrheit und Interpretation. Übersetzt von Joachim SCHULTE. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M. 1986.
  23. Peter L. BERGER und Thomas LUCKMANN: Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M. 1970.
  24. Sir Karl Raimund POPPER: Logik der Forschung. 8., weiter verbesserte und vermehrte Auflage. Mohr Verlag, Tübingen 1984.
  25. Kurt GÖDEL: Werke. Deutsch und Englisch herausgegeben von Soloman FEFERMAN. Oxford University Press, New York 1986.
  26. Willard van Orman QUINE: Wort und Gegenstand. Übersetzt von Joachim SCHULTE und Dieter BIRNBACHER. Philipp Reclam Verlag, Stuttgart 1980 (Universal-Bibliothek 9987).
  27. Ken WILBER: Das Spektrum des Bewußtseins. Ein metapsychologisches Modell des Bewußtseins und der Disziplinen, die es erforschen. Aus dem Amerikanischen von Jochen EGGERT. Scherz Verlag. Bern 1987, S 45.
  28. Immanuel KANT: Metaphysische Anfangsgründe der Naturwissenschaft. Gesammelte Schriften (Akademie-Ausgabe), Band IV. Verlag Georg Reimer, Berlin 1903. Reprint Verlag Walter de Gruyter, Berlin 1968.
  29. Hartmut von HENTIG: Erkennen durch Handeln. Versuche über das Verhältnis von Pädagogik und Erziehungswissenschaften. Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 1982.
  30. Johann Gottlieb FICHTE: Die Bestimmung des Menschen. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Theodor BALLAUF und Ignaz KLEIN. Philipp Reclam Verlag, Stuttgart 1966 (Universal-Bibliothek 1201/02/02a), S 171.
  31. Kurt WEINKE: Rationalität und Moral. Leykam Verlag, Graz 1977.
  32. Jonas COHN: Selbstüberschreitung. Grundzüge der Ethik – entworfen aus der Perspektive der Gegenwart. Aus dem Nachlaß herausgegeben von Jürgen LÖWISCH. P. Lang Verlag, Frankfurt a.M. 1986.
  33. Hermann ZELTNER: Ideologie und Wahrheit. Zur Kritik der politischen Vernunft. Fromann Verlag, Stuttgart 1966.
  34. Ernst TOPITSCH und Kurt SALAMUN: Ideologie. Herrschaft des Vorurteils. Verlag Langen Müller, München 1972.
  35. Wolfgang CASPART: Idealistische Sozialphilosophie. Ihre Ansätze, Kritiken und Folgerungen. Universitas Verlag, München 1991.
  36. Paul WATZLAWICK (Herausgeber): Die erfundene Wirklichkeit. Wie wissen wir, was wir zu wissen glauben? Beiträge zum Konstruktivismus. Piper Verlag, München 1981.
  37. Heinz R. PAGELS: Cosmic Code. Quantenphysik als Sprache der Natur. Übersetzt von Ralph FRIESE. Ullstein Verlag, Frankfurt a.M. 1983.
  38. Werner HEISENBERG, Physik und Philosophie. Mit einem Beitrag von Günther RASCHE und Bartel L. van der WAERDEN. 3. Auflage. Hirzel Verlag, Stuttgart 1978.
  39. David BOHM: Die implizite Ordnung. Grundlagen eines dynamischen Holismus. Übersetzt von Johannes WILHELM. Verlag Dianus-Trikont, München 1985.
  40. ARISTOTELES: Ethika Nikomacheia (Lat. „Ethica Nicomachea“, dt. „Nikomachische Ethik“). Deutsch herausgegeben von G. BIEN. 4. Auflage, Felix Meiner Verlag, Hamburg 1985 (Philosophische Bibliothek 5).
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